Donnerstag, September 27, 2007

HOMAGE AN ZWEI UNBEKANNTE ABENTEURER

Wo findet man den heutezutage noch richtige Abenteurer?
Sowelche die noch vom alten Schlag sind und nicht einfach nur als Draufgänger, Rucksacktouristen oder Extremsportler von sich Reden machen.
Da kennt man vielleicht ein paar Messners, Fossetts oder irgendwelche anderen Weltraumtouristen, die mit viel Geld im Hintergrund professionell an Ihre Reisen oder Touren herangehen. Mehr aber nicht.

Eins steht also fest, Sie sind rar geworden die echten Abenteurer.
Und deshalb möchte ich hier kurz von zwei Abenteurern berichten, die meinen Weg kreuzten und mich irgendwie faszinierten.

Es war im August als ich einen Ambulanzjet nach Rekjavik, der Hauptstadt Islands steuerte. Eine französische Patientin sollte ins heimische Marseille geflogen werden. Das Wetter war bedeckt und einige recht tiefe Wolken zogen über die Insel hinweg. Unterhalb der Wolkenuntergrenze aber war die Sicht ausgesprochen klar und die vielen verschiedenen Farben der Insel wirkten sehr intensiv.
Nach der Landung fuhr die Ambulanzcrew ins Krankenhaus und mein Kollege kümmerte sich um die Betankung.
Ich ging derweil in das angrenzende Büro um die Landegebühr zu zahlen und um einen aktuellen Wetterbericht von Marseille zu bekommen.
Ich stand am Empfangstresen im Büro und meine Firmenkreditkarte wurde gerade durchgezogen, als sich zwei Männer dazugesellten. In gebrochenem Englisch erkundigten Sie sich nach der Wettervorhersage für Island. Etwas zurückhaltend gab Ihnen der junge Mann hinter dem Tresen Auskunft. Man sah Ihm an das er die beiden nicht recht einzuschätzen wusste.
Irgendwie kam ich dann mit den beiden Herren mittleren Alters ins Gespräch. Sie wollten auch von mir wissen wie den das Wetter von Schottland bis hierher sei.
Ich berichtete vom Wetter und fragte wo die beiden denn eigentlich herkämen. Brasilien war die Antwort. Das klang interessant und machte mich neugierig. Wie lange Sie gebraucht hatten interessierte mich.
Ich erwartete als Antwort soundsoviel Stunden mit Zwischenstopp zum tanken irgendwo. Doch die Antwort war: Seit knapp 3 Monaten.
Ich runzelte die Stirn und schaute etwas unglaubwürdig. Seit 3 Monaten?
Verwechselten Sie vielleicht Monate mit Tagen? Mit einem Privatjet wäre es in 3 Tagen ja eine entspannte Tour.
Nein seit 3 Monaten.
Aha, na gut. Und mit welchem Flugzeug?
Da draußen, mit dem kleinen Ultraleichflugzeug. Ich sah verblüfft aus dem Fenster. Tatsächlich da stand ein Ultraleicht.



Kleiner sind eigentlich nur die Kofferflugzeuge von James Bond.
Ich schüttelte sprachlos den Kopf und wollte nicht glauben das jemand die Tour über den Nordatlantik wagt, in einer sagen wir mal bösartig Rasenmähermotor getriebenen Plastikkiste mit Blechflügeln.
Ich sah Sie nochmals ungläubig an. Dann erzählten Sie mir Ihre Story.

Vor knapp drei Monaten legten Sie los mit dem Ziel in einem guten halben Jahr von Brasilien bis nach Südafrika zu fliegen. Der Weg sei das Ziel. Denn die Route ging zunächst südlich über Argentinien in Richtung Feuerland. Von dort die Südamerikanische Westküste hoch, entlang der Anden. Quer über Lateinamerika und Mexiko. Komplett durch die USA bis hoch nach Kanada. Vom Norden Kanadas über die weiten Grönlands.
Und jetzt seien Sie eben hier wollten noch zwei Tage über Island fliegen bevor es weitergehe in Richtung Schottland.
Dann löcherte ich Sie mit Fragen genauso wie Sie mich ausfragten zu Ihrer weiteren geplanten Strecke in Richtung Afrika.
Sie hätten im der eh schon kleinen Kabine noch einen Zusatztank damit könnten Sie maximal 6 Stunden in der Luft bleiben.
Und ein Rettungsboot? Schließlich haben Sie ja nur einen Motor und es ginge ja doch lange Strecken über den Atlantik? Ja, das hätten Sie, das müssten Sie aber spätestens in Schottland wieder verkaufen um Platz zu bekommen.
Mit den Winden müssten Sie sich auch arrangieren. Hin und wieder wenn der Wind in der Höhe zu stark von vorne käme könnte es eben seien das sie fast in der Luft stehen würden oder aber von Fussgängern am Boden überholt werden würden. Es gäbe aber auch Vorteile durch die geringe Größe der Maschine. So sei auf einem größeren Flugplatz irgendwo in Südamerika der Wind so stark von der Seite gekommen, das Sie einfach quer zur eigentlichen Startbahn abheben konnten. Sie nutzen also die 60m Breite der Bahn und nicht die 3000m Länge.

Mit jedem Wort aber strahlten Sie Begeisterung aus und das war das Schöne. Echte Freaks die sich durch nichts beirren ließen.
Sie klagten zwar auch über zu Hohe Kosten hier und da.
Zum Beispiel das man in Nordgrönland Öffnungsgebühr für den Flughafen zahlen müsse obwohl der doch eh offen wäre. Aber das machte Sie für mich noch sympathischer. Und als einer von beiden dann aus einer Plastiktüte eine nach Sprit riechende Benzinleitung mit Handpumpe hervorholte, wusste ich, daß die beiden Typen dafür lebten.
Dann ging es für mich weiter. Ich verabschiedete mich von Ihnen und wünschte Ihnen Alles Gute und Viel Erfolg.
Noch zwei Tage später erzählte ich im Bekanntenkreis von diesen beiden aussergewöhnlichen Abenteurern die ich da in Rekjavik auf Island traf.

Gut einen Monat später war ich wieder mal auf einer Ambulanzmission, die mich dieses Mal weit aus Europa raus und tief nach Afrika hinein führte.
Cotonou war das Ziel. Es ist die größte Stadt im kleinen Afrikanischen Land Benin. Zwischen Nigeria und Ghana an der Sklavenküste gelegen und derzeit von riesigen Überflutungen nach starkem Regen geplagt.
Hier wollte ein Holländer abgeholt werden der sich die Hüfte brach, als er in der Dusche hochsprang um eine Mücke zu erschlagen.
Wir waren abends vor Sonnenuntergang angekommen und übernachteten im Benin Marina Hotel. Ein recht zynischer Hotelname übrigens, wo doch gerade ein Grossteil des Landes in Fluten versank.

Am nächsten Morgen war noch alles dunkel als wir morgens um 6 Uhr am Flughafen ankamen. Im Terminal schliefen die Angestellten noch auf Stühlen, auf dem Boden oder mit dem Kopf auf dem Tisch. Unser Betreuungsagent Monsieur Hippolyte empfing uns und führte uns lautlos an den schlafenden Menschen vorbei auf das Vorfeld wo unsere Maschine stand. Wir begannen mit den Vorbereitungen, denn in einer Stunde sollte es schon Los gehen. Mein Kollege kümmerte sich um das Tanken während ich mit Monsieur Hippolyte zum Flughafenbüro ging um die Gebühren zu zahlen.
Es war noch immer dunkel und am Himmel konnte man spärlich erste Zeichen der Dämmerung erkennen. Alles schien noch zu schlafen. Nichts los, absolute Ruhe. Zwei geparkte Passagiermaschinen von Air Benin, zwei Hubschrauber vom Belgischen Militär und eine Einmotorige Sportmaschine.
Merkwürdigerweise fiel mir die Silhouette von zwei Menschen ins Auge, die in der Dunkelheit die Sportmaschine vorzubereiten schienen.
Ich wunderte mich, Sportflieger hier... um die Uhrzeit?
Ich betrat das Flughafenbüro und wurde von der halb herunterhängenden Neonlichtröhre geblendet.
Es war noch irgendwie eine unwirkliche Zeit. Und diese Empfindung bestätigte sich dann auch, als mir der etwas verschlafene Herr hinter dem Schalter erklärte das er 653 Dollar kassieren müsse, aber keine Zehn Dollar Noten akzeptiere.
Fünfziger, Zwanziger und Einer seien Ok.
Nicht wundern einfach machen dachte ich und arrangierte die Bezahlung so wie der Herr es wünschte.
Dann ging hinter mir plötzlich die Tür auf und ein Mann kam herein.
So halb im Umdrehen erkannte ich das es ein Weißer zu seien schien und kein Farbiger. Ich drehte mich also noch mal richtig um, um zu sehen wer hier morgens um diese Zeit noch aktiv ist, mitten in Afrika.
Ich traute meinen Augen nicht, es war einer der beiden Abenteurer die mir in Rekjavik begegneten. Ich erkannte Ihn sofort und sprach Ihn an. „Hey wir kennen uns aus Island.“





Er sah mich verdutzt an und sagte das auch mein Gesicht im vertraut vorkäme und das er gerade die Gesichter seiner Schulkameraden Revue passieren lassen wollte um mich einordnen zu können.
Dann waren die beiden Silhouetten die ich an dem Sportflugzeug sah tatsächlich meine beiden brasilianischen Abenteurer. Und der Sportflieger das Ultraleichtflugzeug.



Was ein Zufall und was eine Freude. Sein Kollege kam kurze Zeit später in das Büro und war auch erstmal sprachlos.
Schnell und eigentlich viel zu kurz tauschten wir uns aus. Sie waren seit drei Tagen in Cotonou aufgrund des schlechten Wetters hängen geblieben. Heute wollten Sie nun endlich versuchen weiter zu kommen. Aber in Kamerun stände schon die nächste Aufgabe die es für Sie zu meistern galt bereit. Entweder bräuchten Sie eine Sondergenehmigung für den gewünschten Zielflughafen um dort auf dem Rollweg landen zu dürfen, da die Startbahn gesperrt sei, oder aber Sie müssten nach Douala ausweichen.
Ich wünschte Ihnen erneut viel Glück und wir verabschiedeten uns.
Kurz bevor wir den Patienten einluden hörte ich den kleinen Rasenmähermotor der meine beiden brasilianischen Freunde in den Morgenhimmel des Benin mühsam emporschraubte.
Ich winkte vom Boden aus und sah der Maschine hinterher.

Schon seltsam, das sich in dieser großen weiten Welt die Wege zweier Flugzeuge gleich zweimal so kreuzten. Wo das eine mit 800 Kilometer pro Stunde durch die Lüfte jagt und das andere sich mühsam mit vielleicht gerade 80 Kilometer pro Stunde vorwärtsschraubt.

Soweit meine Homage an zwei Unbekannte Abenteurer.

Kommentare:

David Kohn hat gesagt…

Nur eine der vielen Anekdoten, die den Beruf "Pilot" zu einem der Spannendesten auf der Welt machen.

Ein Flugzeug "bösartig Rasenmähermotor getriebene Plastikkiste mit Blechflügeln" zu nennen ist aber gewagt. Da ist wohl jemand zu lange im Learjet unterwegs gewesen.

Grüße aus Norwegen
David

Anonym hat gesagt…

Zusatz zu "Gefühlschaos"

Liebe Amelie,
könnte es sein, dass sich ein Zwiespalt und eine gewisse innere Zerissenheit in Dir breit gemacht hat, im Moment?
Könnte es sein, dass Du versuchst die Ordnung und Sicherheit in Deiner näheren Umgebung (Familie) zu lockern und möglicherweise zu verlassen, um Deinen eigenen Weg zu gehen?

Wobei sich der eine Teil in Dir sich möglicherweise sehnt nach Geborgenheit, Sicherheit und Ordnung, der andere Teil aber nach nahezu grenzenloser Freiheit und Unabhängigkeit. Jeder Zwang, jede Verbindlichkeit könnte manchmal zu eng werden, dann kommt der Ausbruch und wenn man frei und unabhängig ist, die Sehnsucht nach der Zweisamkeit. Ein Wechsel mit schöner Regelmäßigkeit. Das Beste wäre vielleicht ein warmes Zuhause mit einer offenen Tür zum gelegentlichen Ausfliegen mit einem Partner, der Verständnis dafür hat. Ob man ausfliegt oder nicht, ist nicht wichtig, nur zu wissen, dass man es könnte, wenn man möchte.

Mein Rat auf jeden Fall, setze alles daran, Dir selbst treu zu bleiben (auch wenn es manchmal Schmerzen verursacht), denn Du hast nur Dich, alles andere kann Dir wieder genommen werden. Vielleicht suchst Du ja nach der unverbindlichen Verbindlichkeit (eine besondere Art der Treue).

tgc (take good care) ;-)

oliver hat gesagt…

Ha, sehr geil!! Mir haste davon aber nix erzählt, wer gehört denn so zu Deinem Bekanntenkreis ;o) Hast Du Dir ´ne Email Adresse o.ä. geben lassen? Wäre ja schon schön zu wissen ob die beiden ihr Abenteuer auch ohne Rettungsboot sicher überlebt haben. Bitte mehr davon! Liebe Grüsse, der o.

marcel hat gesagt…

Schöne Story - und interessanterweise ohne Bomberpilot-typische Detailversessenheit "und dann eine Stunde Tanken und dann 30 Minuten Motor kurbeln und dann 10 Minuten Cross Checken und dann 1 Minute Choke ziehen..."

:)

Nee, weiter so beim Kaffeetrinken - und später alles binden lassen und von der Verwertungsgesllschaft Wort abkassieren: http://www.vgwort.de/

Keep on rockin